Riesling Sekt: Deutschlands unterschätzte Schaumwein-DNA?

24. September 2026 | Aktuelles, Deutschland

Riesling Sekt: Deutschlands unterschätzte Schaumwein-DNA? Wenn über großen Schaumwein gesprochen wird, fallen bestimmte Namen fast automatisch: Champagne, Chardonnay, Pinot Noir… aber Riesling als Sekt? International kommt er beim Thema Schaumwein erstaunlich selten vor.

Warum eigentlich? Denn wenn Deutschland überhaupt eine Rebsorte besitzt, die eine vollkommen eigene Schaumweinidentität tragen kann, dann ist es für mich ganz eindeutig der Riesling. Er bringt eine gute Säure mit, zeigt Herkunft extrem präzise, wirkt jung fantastisch frisch und entwickelt mit der Zeit auf der Hefe eine völlig andere Tiefe als ein Chardonnay Prickelt. Eigenschaften also, die für Spitzensekt geradezu prädestiniert sind. Die Frage ist nur: Warum sprechen wir international noch so wenig darüber?

Mehr als nur eine Weißwein-Rebsorte

Riesling gehört zu den Rebsorten, die sich besonders stark über Herkunft und Klima ausdrücken. Die auch besonders zu Deutschland gehört, man kann sie auch getrost unsere „Signature-Rebsorte“ nennen. Bei 13 Anbaugebieten mit eigenen klimatischen voraussetzungen, schmeckt natürlich die Mosel anders als Rheinhessen, der Rheingau anders als die Pfalz. Und genau diese Unterschiede verschwinden nicht unbedingt, wenn aus dem Grundwein Sekt wird.

Bei einem gut gemachten Riesling-Sekt sorgt die charakteristische Säure für greifbare Spannung, während die Hefereife dem Wein zusätzliche Textur verleiht. Das macht die Kombination so reizvoll: Frische und Reife schließen sich hier nicht aus, sie verstärken einander.

Ich achte bei Riesling-Sekt zunächst darauf, ist er noch erkennbar? Denn mit der zweiten Gärung und dem langen Hefelager verändert sich die Aromatik naturgemäß. Hefenoten kommen hinzu, die Struktur wird cremiger, die primäre Frucht tritt zurück. Das kann wunderbar sein. Es passiert aber eben auch, dass der Grundwein unter der Stilistik begraben wird. Für mich wird ein Riesling-Sekt genau dann brillant, wenn beides gleichzeitig funktioniert: Die Handwerkskunst im Keller ist präsent, aber Herkunft und Rebsorte bleiben im Glas klar greifbar.

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Riesling kann reifen

Hier liegt für mich eine der größten Stärken. Ein junger Riesling-Sekt kann unglaublich präzise und energiegeladen sein. Mit zunehmender Reife verändert sich das Bild faszinierend: Aus knackiger Zitrusfrucht wird eine reifere Aromatik, frischer Apfel weicht getrockneten Früchten, dazu gesellen sich Brikoche, Nuss, feine Würze. Aber Achtung: im Stilwein sind Petrol- oder Kerosinnoten oftmals ein Qualitätsmerkmal, aber für mich nicht für die Herstellung von hochwertigem Sekt geeignet ist. Dies ist oftmals ein Zeichen dafür, dass die Reben in einem zu warmen Gebiet standen – es fehlt dem fertigen Sekt einfach an Frische und Eleganz!

Das Ziel ist ein Sekt, der nach dem ersten Schluck einfach nur noch Genuss ist. Das ist das beste Zeichen überhaupt.

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Nicole Wolbers – Jurorin internationaler Weinwettbewerbe CMB

Warum wird Riesling international trotzdem kaum als Rebsorte für Sekt wahrgenommen? Weil die globale Schaumweinwelt in festen Strukturen verankert ist.

Die Champagne setzte den Maßstab für Chardonnay und Pinot Noir, Prosecco für Glera und viele Schaumweinregionen wie z.B. Franciacorta, Oltrèpo Pavese oder English Sparkling Wine folgen dem französischen Vorbild. Da bleibt wenig Platz für prickelnde Qualitäten aus anderen Rebsorten. Lediglich Cava steht fest auf seinen heimischen Sorten, ebenso Deutschland oder auch Österreich. Einige Weinregionen in z.B. in Italien oder Osteuropa bieten hier Alternativen.

Herkunft matters

Das Thema Herkunft gewinnt aktuell enorm an Dynamik. Das Jubiläum des VDP.SEKT.STATUTS hat gezeigt, wie sehr sich die Perspektive verändert hat – dies wurde im Rahmen einer Retrospektive der letzten zehn Jahre des Statuts auf der VDP.Weinbörse nochmals deutlich. Was kann und soll deutscher Sekt heute sein?

Der VDP hat viel dafür getan, die Kriterien für die Herkunft, den Weinberg und die Reifezeit von Sekt strenger zu definieren. Daraus sind das Reglement für VDP.SEKT und VDP.SEKT.PRESTIGE® entstanden. Der Riesling steht dabei gleichberechtigt im Mittelpunkt und ist die Kernrebsorte des jeweiligen Anbaugebietes.

Ein Riesling-Sekt aus einer kühlen Lage an der Mosel hat andere Voraussetzungen als einer z.B. aus den wärmeren Gebieten Rheinhessens. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Wie viel Herkunft bleibt im fertigen Sekt sensorisch wirklich erhalten? Ich habe hierzu verschiedene Blanc de Blancs von VDP.SEKT verkostet, die in der Subskription besprochen werden.

Riesling: Deutschlands unterschätzte Schaumwein-DNA?  Mosel Deuschland Luxemburg
Weinberge an der Mosel

Riesling versus Chardonnay – nein!

Der Vergleich mit Chardonnay liegt nah, besonders bei Blanc de Blancs. Chardonnay besitzt eine gewaltige internationale Strahlkraft und hat längst bewiesen, dass er große Schaumweine hervorbringt. Aber die Frage, ob Riesling Chardonnay „schlagen“ kann, führt in die falsche Richtung. Dabei beobachte ich aber, dass Kellermeister sehr oft eine Vorliebe für eine bestimmte Rebsorte haben. Das ist völlig in Ordnung.

Eines sollte klar sein: Riesling muss nicht wie Chardonnay schmecken – er kann es ohnehin nicht! Seine Stärke liegt in seinem eigenen Profil: mehr energetische Säure, eine vollkommen andere Aromenpalette und der besondere Ausdruck des Klimas. Das ist keine Schwäche, sondern ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn von anderen unterscheidet.

Wenn ich Riesling-Sekt verkoste, suche ich deshalb nach folgenden fünf Eigenschaften:

  • Säure: Trägt sie den Wein präzise, ohne grün zu wirken?
  • Frucht: Bleibt der Rebsortencharakter trotz Hefelager spürbar?
  • Reife: Hat die Zeit auf der Hefe echte Tiefe erzeugt?
  • Herkunft: Zeigt der Sekt seine Herkunft oder Lagenidentität?
  • Balance: Greift am Ende alles nahtlos ineinander?

Und dann ist da noch der wichtigste Punkt, den keine Note abbildet: der Erinnerungswert. Ein großer Sekt muss nicht nur handwerklich fehlerfrei sein – ich möchte mich am nächsten Tag noch an seine Geschichte im Glas erinnern.

Die eigentliche Chance für Deutschland

Als Autorin, Sektbotschafterin und Schaumweinkuratorin möchte ich das kurz zusammenfassen: Deutschland muss nicht versuchen, eine zweite Champagne zu sein. Wir haben das Original bereits im Weinberg stehen: Riesling. Eine Rebsorte mit Weltruf, die Terroir transportiert und durch ihre Säurestruktur perfekt altert. Was bisher fehlt, ist die internationale Übersetzung.

Der deutsche Riesling-Sekt muss sich vom Image des „Sekts aus Riesling“ lösen. Es geht um den Begriff „Premium Riesling Sekt aus Deutschland„, der von handwerklichen Betrieben in der traditionellen Flaschengärung hergestellt wird. Das ist etwas Einzigartiges, das uns einen eigenen Platz in der internationalen Geschichte verschafft.

Deutschland hat Riesling über Jahrzehnte hinweg als Stillwein international verankert. Das ist zwar logisch, birgt aber auch eine verpasste Chance. Wenn eine Rebsorte weltweit bereits für Spitzenqualität, Terroir und Langlebigkeit steht, muss man ihre Schaumweinversion nicht neu erfinden, sondern sie nur mutiger erzählen.


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Nicole Wolbers ist DipWSET, zertifizierter Cava Educator und Gründerin des Schaumweinmagazins. Als Autorin, Referentin und Moderatorin beschäftigt sie sich mit Schaumwein, Weinregionen und der Frage, wie sich Herkunft, Kultur und Nachhaltigkeit im Wein verbinden. Sie ist 1. Sektbotschafterin des Sektmacher Verbandes!

Credit: Nicole Wolbers

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