Prosecco Low Alcohol: Warum die DOC Schaumwein mit weniger Alkohol entwickelt!

25. Juli 2026 | Aktuelles, Italien, Prickelndes Wissen

Prosecco Low Alcohol: Warum Prosecco DOC Schaumwein mit weniger Alkohol entwickelt! Spürbar weniger Alkohol im Glas, aber im Geschmack durch und durch Prosecco? Genau an dieser Formel tüftelt das Konsortium Prosecco DOC seit geraumer Zeit gemeinsam mit der Universität Padua. Dahinter steckt allerdings kein kurzfristiges Marketingkonzept und auch nicht nur das Mitreiten auf dem Gesundheitstrends. Für die kommerziell erfolgreichste Schaumwein-Appellationen der Welt ist dies eine Existenzfrage: Wie lässt sich eine weltbekannte Herkunft an die spürbar veränderten Trinkgewohnheiten der Menschen anpassen, ohne dabei ihre bekanntes Profil zu verlieren.

Prosecco Low Alcohol: Warum plötzlich alle über moderaten Alkoholgehalt sprechen

In der internationalen Weinwelt gibt es derzeit kaum ein Thema, das so viel diskutiert wird als die Nachfrage nach alkoholärmeren Weinen oder Getränken. Was vor gar nicht allzu langer Zeit als Nischentrend abgetan wurde,ist heute fester Bestandteil vieler Marktanalysen internationaler Unternehmen. Immer mehr Menschen möchten bewusster genießen, wollen dem Glas Wein am Abend oder am Wochenende aber nicht komplett abschwören. Gesucht werden Weine, die unkompliziert in einen modernen Alltag passen – eine einfache aber gute Begleitung zum Mittagessen, ein lockerer Drink beim Netzwerken oder einfach ein erfrischender Aperitif.

Dieser Wandel macht vor den europäischen Schaumweinregionen nicht halt. Während komplett alkoholfreie Alternativen im Regal mittlerweile schon von vieler Erzeuger angeboten werden, schiebt sich eine weitere Spielart immer deutlicher ins Blickfeld: Schaumweine mit einem moderaten Alkoholgehalt. Analog zu klassisch leichten Stillweinen wie einem Kabinett oder schlanken Rosés sollen diese Schäumer „vollwertige“ Weine bleiben und keineswegs wie ein wässriger oder limonadiger Kompromiss schmecken.

Das Konsortium Prosecco DOC widmet sich genau diesem Spagat. Als flächenmäßig größte Schaumwein-Herkunft Italiens arbeitet man an einer Stilistik, die sich am Ende bei etwa acht bis neun Volumenprozent Alkohol einpendeln soll. Dem Verband geht es ausdrücklich nicht darum, den bestehenden Prosecco nachträglich zu verändern oder einen möglichst kalorienarmen Lifestyle-Wein zu lancieren. Für mich lautet die fundamentale Frage – zwischen den Zeilen – vielmehr: Bringt ein Schaumwein mit deutlich weniger Alkohol überhaupt noch dieses unverkennbare Prosecco-Gefühl ins Glas und bedient er gleichzeitig eine reale Lücke im Markt?

Prosecco Low Alcohol Technik
Charmat-Methode: Prosecco Low Alcohol Technik

Am Anfang stand Ein Forschungsprojekt

Die wissenschaftliche Basis für diese Entwicklung legte ein gemeinsames Forschungsprojekt des Consorzio Prosecco DOC und der Universität Padua, das auf der ProWein 2026 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert wurde. Bereits seit 2024 beschäftigen sich Önologen und Agrarwissenschaftler intensiv an der Fragestellung, wie man den Alkoholgehalt im Schaumwein drastisch senken kann, ohne dass das sensorische Profil zu verändern oder man mit erhöhtem Restzucker kaschieren muss. Denn bereits jetzt ist es technisch möglich einen low alcohol Wein zu produzieren, der allerdings in die Kategorie demi-sec fallen würde.

Im Zentrum der Überlegungen steht ebenso die Glera-Traube. Sie gibt dem Prosecco sein charakteristischen Ausdruck mit den typischen Noten von grünem Apfel, knackiger Birne, Zitrusfrüchten und feinen weißen Blüten. Zusammen mit der saftigen Säure und der spritzigen Perlage hat diese Rebsorte dem Prosecco zu seinem weltweiten Siegeszug verholfen.

Um diesen Charakter zu bewahren, wählen die Forscher einen Weg, der direkt im Prozess der Weinbereitung ansetzt. Der Alkohol soll von vornherein gar nicht erst im gewohnten Ausmaß entstehen. Anders als bei vielen entalkoholisierten Produkten greift man also nicht nachträglich in den fertigen Grundwein ein. Man versucht stattdessen zu verstehen, wie das Zusammenspiel aus Traubenreife, Mostzusammensetzung und kontrollierter Gärung sein muss, um ganz natürlich einen harmonischen, leichten Wein hervorzubringen. Die ersten Muster, die auf der ProWein zu verkosten waren, zeigten sich vielversprechend. Bis der Wein allerdings serienreif in den Regalen steht, wird noch etwas Zeit vergehen.

Prosecco Low Alcohol: Glera Rebsorte für Prosecco

Warum Prosecco DOC bewusst auf Entalkoholisierung verzichtet

Spricht man heute über alkoholärmere Weine, denken die meisten sofort an Entalkoholisierung. Doch Prosecco DOC schlägt hier – meiner Meinung nach – ganz bewusst eine andere Richtung ein, um so nah wie möglich am unverfälschten „Original“ geschmacklich anzudocken.

Das gängige Verfahren bei entalkoholisierten Weinen sieht so aus: Zunächst wird ein ganz normaler Wein durchvergoren, dem man anschließend mit hohem technischen Aufwand den Alkohol wieder entzieht. Obwohl moderne Vakuumrektifikations-Anlagen heute Erstaunliches leisten, hinterlässt dieser Eingriff fast immer Spuren an der Aromastruktur und am Mundgefühl. Flüchtige Aromen verfliegen, die Balance gerät ins Schwanken und das Mundgefühl wirkt oft dünn oder spröde. Nicht selten helfen Erzeuger dann mit reichlich Süßungsreserve nach, um dem Wein künstlich wieder Fülle vorzutäuschen. Genau diesen Effekten möchte das Konsortium ausweichen.

Aus diesem Grund beginnt das Forschungsprojekt nicht im Keller, sondern schon im Weinberg. Das Ziel ist ein Traubengut, das seinen moderaten Alkoholgehalt auf natürliche Weise mitbringt. Frucht, Säure, Kohlensäure und die innere Struktur sollen von Beginn an als Einheit zusammenkommen. Für eine geschützte Ursprungsbezeichnung steht schließlich das Renommee auf dem Spiel: Ein alkoholreduzierter Prosecco muss am Gaumen als echter, ehrlicher Prosecco überzeugen und darf nicht wie ein technisches Laborprodukt wirken.

Prosecco Low Alcohol: Tradition und Forschung Hand in Hand

Dass ausgerechnet die Universität Padua als Partner mit an Bord ist, hat System. Hier geht es um eine fundierte wissenschaftliche Basis, um die Typizität des Prosecco nachhaltig zu sichern. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht isoliert auf einzelne Kellertechniken, sondern auf das große Ganze aus Rebsorte, Reifeprozess und Vinifikation.

Unter anderem beobachtet man sehr genau, wie sich unterschiedliche Lesezeitpunkte und Reifegrade der Glera-Traube auf das spätere Alkoholpotenzial auswirken. Genauso stehen die Temperaturführung bei der Gärung und das gezielte Mostmanagement im Fokus. Das Etappenziel heißt: Frische, Frucht und Eleganz sichern, obwohl weniger Alkohol im Spiel ist. Zwar gelingt es technisch schon heute, einen Wein auf 8,5 Volumenprozent einzustellen, allerdings landete man dabei bisher meist im Bereich „Demi-Sec“ – also mit einer spürbar ausgeprägten Restsüße am Gaumen.

Die internationalen Märkte verlangen nach „No & Low“

Dass das Konsortium Prosecco DOC ausgerechnet jetzt Geld und Ressourcen in die Hand nimmt, ist kein Zufall. Die Appellation führt den überwiegenden Teil ihrer gigantischen Jahresproduktion, genauer gesagt rund 547 Millionen Flaschen aus und hängt von den Entwicklungen des Weltmarktes ab.

Speziell in Nordeuropa, Großbritannien und Nordamerika zieht die Nachfrage nach moderaten Alkoholgraden seit Jahren spürbar an. Analysen der Marktbeobachter von International Wine and Spirits Research (IWSR) belegen fortlaufend, dass das Segment „Low & No Alcohol“ global wächst. Selbst wenn Wein in diesem Bereich aktuell noch etwas langsamer zulegt als Bier oder hochprozentige Alternativen, suchen viele Kunden händeringend nach echten Wein-Alternativen, die authentisch schmecken und nicht wie ein müder Ersatz wirken.

Prosecco Low Alcohol
Prosecco im Glas

Daraus ergibt sich die Kernfrage: Wie spricht man eine jüngere, gesundheitsbewusste Zielgruppe an, ohne den Markenkern der eigenen Herkunft zu verwässern?

An genau dieser Nahtstelle setzt die Forschungsarbeit an. Der neue Stil soll das bisherige Portfolio nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Der klassische Prosecco DOC bleibt unangetastet. Die neue Variante würde eine eigenständige Kategorie bilden, die den Wunsch nach weniger Alkohol bedient und gleichzeitig die typische Visitenkarte der Glera-Traube abgibt.

Italiens Schaumweinlandschaft im Umbruch

Spannend wird das Ganze, wenn weiter schaut: Die gesamteitalienische Schaumweinlandszene sortiert sich derzeit spürbar neu. Während Garda DOC mit der Einführung der Bezeichnung „Crémant“ nach mehr Ansehen in der Premium-Ecke strebt und die Toscana IGT erstmals ein klares Herkunftsprofil für Spumante aufbaut, wählt Prosecco DOC den Weg der inneren Innovation.

Jede dieser drei Regionen fährt eine eigene Strategie, reagiert damit aber im Kern auf dieselbe Frage: Wie kann man sich im immer härteren internationalen Wettbewerb profilieren und abheben?

Über Jahre hinweg wurde italienischer Schaumwein im Ausland fast ausschließlich mit dem Namen Prosecco gleichgesetzt. Mittlerweile profilieren sich immer mehr Regionen mit ganz eigenen Stilistiken, bei denen Herkunft und Handwerk im Vordergrund stehen. Ergänzen die bereits bei Kennern bekannten hochwertigen Schäumer wie Südtiroler Sekt, Trento Doc, Franciacorta oder Oltrepò Pavese. Das macht die italienische Schaumweinwelt vielschichtiger, verlangt dem Markt mehr Aufmerksamkeit ab, bringt aber gleichzeitig enorm viel Dynamik in die Szene. Wer diese Verschiebungen im Detail nachvollziehen möchte, findet im Hintergrundartikel „Italien ordnet seinen Schaumwein neu“ eine ausführliche Analyse der Reformen in Garda, der Toskana und im Prosecco-Gebiet.

prosecco Low Alkohol: Innovation beginnt im Weinberg, nicht erst im Tank

Der Weg ist das Ziel“ – diese Binsenweisheit passt erstaunlich gut auf das Thema Low Alcohol. Abgesehen von ein paar Ausnahmen – auch hierzulande in Deutschland – setzen die meisten Winzer bei alkoholarmen Weinen weiterhin auf nachträgliche Entalkoholisierung. Dass sich nun eine komplette, riesige Anbauregion kollektiv auf einen ganz anderen Weg einlässt, hat Seltenheitswert.

Während in vielen Debatten über alkoholarmen Weinen meist nur über noch ausgefeiltere Kellertechnik philosophiert wird, richtet Prosecco DOC den Blick zuerst dorthin, wo die Qualität entsteht: in den Weinberg. Traubenreife und Vinifikation werden als untrennbares Gesamtsystem begriffen – keine neue Haltung, aber die bei hochwertigem Schaumwein seit jeher den Unterschied macht. Man will einen harmonischen Wein erzeugen, dessen Balance von Natur aus stimmt und nicht im Nachgang im Labor zurechtgefeilt werden muss.

Ob dieser Ansatz am Ende vom Markt belohnt wird, muss sich erst noch zeigen. Schließlich gibt es außerhalb Italiens bereits etablierte, geschmacklich überzeugende Produkte in diesem Segment. Allen voran der klassische Kabinett aus Deutschland, wenn auch ohne Prickeln. Am Ende entscheidet allein das Glas: Nur wenn der finale Wein (der sich auch so nennen darf!) in puncto Aroma, Frische, Ausgewogenheit und schlichtem Trinkfluss überzeugt, wird der Verbraucher zugreifen.

Wie entsteht Prosecco Low Alcohol?
Die vollständige Infografik mit einer Schritt-für-Schritt-Erklärung findest du in unserem Hintergrundartikel.

Die Einschätzung des Schaumweinmagazins

Aus der Perspektive des Schaumweinmagazins greift es viel zu kurz, Prosecco Low Alcohol als bloßen Reflex auf einen flüchtigen Lifestyle-Trend abzutun. Das Projekt zeigt vielmehr beispielhaft, wie sich eine etablierte Herkunftsregion modernisieren kann, ohne ihre Wurzeln zu kappten.

Prosecco DOC sucht nach Antworten auf genau diese Fragen. Nicht mit dem Holzhammer oder einem radikalen Bruch, sondern durch eine behutsame, wissenschaftlich begleitete Weiterentwicklung. Besonders hervorzuheben ist der Mut, auf den einfachen Weg der nachträglichen Entalkoholisierung zu verzichten und den Wein stattdessen von der Rebe an neu zu denken. Gelingt dieses Experiment, könnte Prosecco DOC ein neues Profil prägen, das den ursprünglichen Charakter wahrt und zeitgleich völlig neue Käuferschichten erschließt bzw. muss!

Es geht nicht um weniger Alkohol – sondern um die Zukunft einer Herkunft

Geht das Experiment hingegen schief, droht ein beliebiges Produkt ohne klares Profil dazustehen: Es ist zu weit weg vom klassischen Prosecco und weder alkoholfrei noch „normal“ alkoholisch (> 10 % Volumen Alkohol). Deshalb lohnt es sich, diese Entwicklung hautnah zu verfolgen. Die Tragweite dieses Proszesses werden wir erst in den kommenden Jahren wirklich ermessen können.


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Schaumweinmagazin Redaktion:

Nicole Wolbers ist DipWSET, zertifizierter Cava Educator und Gründerin des Schaumweinmagazins. Als Autorin, Referentin und Moderatorin beschäftigt sie sich mit Schaumwein, Weinregionen und der Frage, wie sich Herkunft, Kultur und Nachhaltigkeit im Wein verbinden.

Credit: Fotos Nicole Wolbers

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