Blanc de Blancs aus Deutschland: Wie gut?

8. September 2026 | Aktuelles, Deutschland, Prickelndes Wissen

Blanc de Blancs aus Deutschland: Wie gut kann deutscher Sekt mit Chardonnay? Auf der VDP.Weinbörse gibt es jedes Jahr viel zu verkosten. Und manchmal ist es gar nicht der eine, herausragende Wein, der im Gedächtnis bleibt, sondern im Nachhinein betrachtet: ein Thema. Obwohl die Verkostungszone dieses Jahr das Thema Riesling hatte, war das bei der diesjährigen Ausgabe für mich ganz klar die Blanc de Blancs.

Immer wieder bin ich in den zwei Tagen auf Sekte aus Chardonnay im Glas, flankiert von Weißburgunder, oder Cuvées aus weißen Burgundersorten gestoßen. Viele als Blanc de Blancs oder Blanc de Blanc deklariert. Die uneinheitliche Benennung und die Vielfalt der Blancs im Glas haben mich neugierig gemacht.

International ist der Stil von Blanc de Blancs längst eine feste Größe – allen voran in der Champagne, wo er eine ganz eigene Welt darstellt. In Deutschland wird es allerdings noch spannender: Hier heißt Blanc de Blancs nämlich nicht automatisch nur Chardonnay! Ist das eine Chance, etwas Eigenes entstehen zu lassen oder bedeutet es ein stilistisches Durcheinander?

Blanc de Blancs Chardonnay im Glas
Blanc de Blancs Chardonnay im Glas

Blanc de Blancs ist Chardonnay!?

Wer „Blanc de Blancs“ hört, denkt meist sofort an die Champagne. Dort ist die Sache ziemlich klar: Ein Blanc de Blancs wird aus weißen Trauben, in der Praxis aus Chardonnay, erzeugt. Schließlich bildet Chardonnay neben Pinot Noir und Meunier das Rückgrat der Champagne.

In Deutschland dürfen und müssen wir den Begriff weiter fassen. Das gefällt nicht jedem Produzenten, der einen französischen Fokus hat. Bei uns kann „Blanc de Blancs“ – wie bereits erwähnt – viele Facetten haben. Er kann ebenfalls 100 % Chardonnay bedeuten. Es kann aber genauso gut ein Blanc de Blancs aus Weißburgunder oder Auxerrois sein oder eine Cuvée verschiedener weißer Rebsorten. Denn – Achtung – je nach Anbaugebiet kommen regionale Besonderheiten hinzu. So können auch Riesling und Silvaner in einem Cuvée Blanc vorkommen. Das macht die Kategorie hierzulande sehr „bunt“ und vielschichtig, aber nicht einheitlich definierbar.

Chardonnay kein Trend mehr

Denn Deutschland verfügt über langjährige Erfahrung mit Burgundersorten. Weißburgunder und Grauburgunder sind hierzulande längst gängige und beliebte Rebsorten – gerade letzterer ist für trinkige, aromatische Stillweine sehr beliebt. Chardonnay ist dagegen eine vergleichsweise junge Entwicklung, aber sein Anbau wächst stetig! Im Jahr 1995 standen in Deutschland gerade einmal rund 270 Hektar im Ertrag. Heute sind es weit über 3.000 Hektar – die Fläche hat sich in drei Jahrzehnten mehr als verzehnfacht. Zum Vergleich: Weißburgunder kam auf 6.351 Hektar, Grauburgunder auf 8.388 Hektar und Riesling auf 23.885 Hektar.

Natürlich ist das im Vergleich zu den knapp 24.000 Hektar Riesling immer noch überschaubar. Riesling bleibt die unangefochtene Nummer eins. Die Dynamik beim Chardonnay ist jedoch bemerkenswert und gerade für die Sekterzeugung birgt sie enormes Potenzial.

Blanc de Blancs Chardonnay Champagne
Chardonnay im Weinberg

Ein anderes Narrativ als beim Riesling

Chardonnay hat die Eigenschaften, die für hervorragenden Schaumwein wichtig sind: präzise Säurestruktur, Zug im Mund und die Fähigkeit, mit der Zeit komplexer zu werden. Er verfügt über großes Reifepotenzial. Er kann am Gaumen delikat, aber auch tiefgehende, sogenannte „tertiäre“ Aromen (wie geröstetes Brot, Lebkuchen) entwickeln, die mit der Flaschenreife entstehen.

Chardonnay ist eine sehr flexible Rebsorte. Seine Lagerung, der Einsatz von Holz oder Edelstahl und der Stil des Sektes können Sektproduzenten hier individuell variieren. Die Ergebnisse sind somit sehr vielfältig.

Ich halte nichts davon, Rebsorten gegeneinander auszuspielen oder zu fragen, ob Chardonnay dem Riesling den Rang ablaufen könnte. Das greift zu kurz, denn ich habe bereits ein Plädoyer für gereifte Rieslinssekte geschrieben.

Riesling ist ein Aushängeschild für deutschen Sekt. Seine Aromatik, seine Säure und seine Eigenschaft, Terroir und Jahrgang zu spiegeln, machen ihn weltweit einzigartig, er lässt sich jedoch auf Hefearomen nicht so gut ein.
Chardonnay erzählt eine andere Geschichte: Er hält sich aromatisch zurück, punktet dafür mit Textur und Struktur und entwickelt im Laufe der Zeit hefeaffine Aromen und Finesse!

Der Blick über den Tellerrand

Ein Blick in andere Regionen hilft bei der Einordnung: In der Champagne gehört Blanc de Blancs zu dem Besten, was die Region zu bieten hat! Gerade in der Szene der Winzerchampagner hat die Rebsorte in den letzten Jahren viel Auftrieb erfahren. Die finnische Schaumweinexpertin Essi Avellan bringt die stilistische Bandbreite der Grower-Champagner immer wieder auf den Punkt: Sie reicht von knochentrockenen, karg-mineralischen Weinen bis hin zu schmelzigen, reifen Interpretationen.

International ist Chardonnay kein kurzlebiger Trend, sondern seit Jahrzehnten verankert. Spannend ist vielmehr, wie dynamisch die Rebsorte weltweit neu interpretiert wird – man denke nur an England, wo Chardonnay maßgeblich zum Aufschwung der heimischen Weinkultur beiträgt. In Deutschland geht die Sorte einen weniger spektakulären, dennoch interessanten Weg. Die Frage lautet daher nicht mehr, ob wir Chardonnay können, sondern wie wir ihn interpretieren.

Blanc de Blancs Sektglas Chardonnay
Chardonnay Trauben am Rebstock

Auf dem Weg zu einer eigenen Handschrift?

Genau dieser Suchprozess war auf der VDP.Weinbörse spürbar. Kein Blanc de Blancs aus Deutschland glich dem anderen. Einige Präsentationen zeigten sich straff und geradlinig, andere cremiger, fülliger und mit reiferer Charakteristik. Während einige voll auf Chardonnay setzten, schöpften andere ihre Kraft aus Weißburgunder oder stimmigen Cuvées. Manch einer produziert auch einen VDP.SEKT Prestige als Crémant.

Deshalb kann man auch nicht von einer geschlossenen „deutschen Blanc-de-Blancs-Stilistik“ innerhalb des Verbandes sprechen, da das Spektrum aktuell weit gefasst ist. Das VDP.SEKT.STATUT definiert zumindest den qualitativen Rahmen: Die Lese erfolgt von Hand, die Pressung findet als Ganztraubenpressung statt, die Flaschengärung ist traditionell und die Zeit auf der Hefe beträgt mindestens 36 Monate bei VDP.SEKT.PRESTIGE. Die eigentliche Musik entsteht jedoch im Weinberg und durch die Entscheidungen im Keller.

Terroir und Handschrift statt nur Rebsorte.

Die wirklich spannenden Gespräche beginnen erst, wenn wir aufhören, nur über Rebsorten zu diskutieren. Es leuchtet ein, dass ein Chardonnay aus Baden völlig andere Grundvoraussetzungen mitbringt als einer aus der Pfalz, Rheinhessen oder von der Mosel.

Die Stellschrauben für handwerklich guten Schaumwein sind: Wann wird gelesen, wie feinfühlig gepresst, wie lange reift der Sekt auf der Hefe und wie viel Dosage? Deutscher Sekt überzeugt mich, wenn er nicht versucht, ein internationales Vorbild zu kopieren, sondern selbstbewusst für sich steht.

Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu. Schon vor Jahren haben mich Blanc de Blancs aus heimischem Anbau nachhaltig begeistert, etwa die von Weißburgunder geprägten Varianten vom Sekthaus Raumland oder die charakterstarken Chardonnay-Sekte von Griesel. Die Bewegung gewinnt nun weiter an Dynamik.

Ein schönes Zeichen dafür war auch die VDP-Sektpräsentation unter dem Motto „Everything but Riesling“, bei der Chardonnay und Pinot Noir die Hauptrolle spielten. Wenn ein Verband wie der VDP seinen Riesling mal bewusst an die Seite stellt, zeigt das vor allem eines: gesundes Selbstbewusstsein für das, was daneben herranreift.

Entwickelt sich also gerade eine eigenständige deutsche Blanc-de-Blancs-Stilistik?

Ich würde antworten: Wir sind mittendrin. Die Basis stimmt. Wir haben die Flächen, das Wissen um Burgundersorten und vor allem immer mehr Erzeuger:innen, die Sekt als eigenständige Königsdisziplin begreifen und nicht als Nebenprodukt der Stillweinherstellung.

Ob sich daraus je ein deutscher Stil entwickelt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Ebenso bleibt abzuwarten, ob es dann die eine Ausdrucksweise geben wird. Die eigentliche Magie entsteht nämlich im Weinberg und durch die Entscheidungen im Keller. Sekt ist immer auch Ausdruck des Sektmachers! Ich werde die Entwicklung der Blanc de Blancs aus Deutschland jedenfalls aufmerksam begleiten und vor allem weiter mit Spannung verkosten. 


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Du möchtest tiefer in die Welt des deutschen Spitzensekts eintauchen? Diese fünf Beiträge zeigen unterschiedliche Facetten dessen, was für mich guten Sekt ausmacht.

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Schaumweinmagazin Redaktion:

Nicole Wolbers ist DipWSET, zertifizierter Cava Educator und Gründerin des Schaumweinmagazins. Als Autorin, Referentin und Moderatorin beschäftigt sie sich mit Schaumwein, Weinregionen und der Frage, wie sich Herkunft, Kultur und Nachhaltigkeit im Wein verbinden. Sie ist 1. Sektbotschafterin des Sektmacher Verbandes!

Credit: Nicole Wolbers

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