Hitzetest Weinberg: Ändern sich Schaumweine?

1. September 2026 | Aktuelles, Prickelndes Wissen

Hitzetest im Weinberg: 2026 ein besonderer Jahrgang? Die Lese war in vielen Regionen so früh wie nie – was besonders für die Schaumweinherstellung interessant ist, aber auch eine Herausforderung sein kann. Anfang August in der Champagne. Ende Juli in der Franciacorta. Mitte August begann die Lese 2026 in den deutschen Anbaugebieten.

Die Lese war in vielen europäischen Anbaugebieten die früheste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Gründe dafür sind Hitze, Trockenheit und damit einhergehend: eine deutlich beschleunigte Reifeentwicklung. Die Beeren (oftmals etwas kleiner) haben eine höhere Zuckerkonzentration, gleichzeitig kann die für Schaumwein so wichtige Säure bei zu viel Wärme schneller verloren gehen. Obwohl die Trauben reif waren, fehlte ihnen die Zeit, um sich parallel dazu aromatisch komplex auszubilden.

Hitzetest Weinberg: Früher heißt nicht automatisch schlechter

Für Schaumwein ist der optimale Lesezeitpunkt ohnehin ein Balanceakt: Die Trauben müssen genügend Reife und Aromen mitbringen – aber gleichzeitig Frische und Säure bewahren. Im Keller zählt 2026 deshalb jeder Zehntel-pH-Wert. Wer zu lange wartete, riskiert flache Grundweine ohne Trinkfluss. Wer zu früh liest, erntet zwar Säure, aber kaum ausgereifte Aromen.

Viele Winzer reagieren deshalb mit früherer Lese, nächtlicher Ernte und noch genauerer Selektion. Wie gut das Jahrgangsprofil am Ende wird, entschied dieses Jahr vor allem auch die Logistik. In den frühen Morgenstunden rollen die Trauben in die Kelterhäuser, um die kühle Nachtluft zu nutzen. Warmes Lesegut kann schnell aufbrechen, oxidieren und unkontrollierte Gärungen anstoßen.

Rebsorten im Hitzestress

Nicht alle Rebsorten kommen mit extremen Bedingungen gleich gut zurecht. Während der Chardonnay seine Struktur erstaunlich gut bewahrte, geriet der Pinot Noir schneller an seine Grenzen. Dieses Phänomen ist in Spanien bereits seit langem bekannt, weshalb die Rebsorte extrem früh eingefahren wird. Durch die Hitze bauen viele Spätburgunder rasch Alkohol auf und verlieren ihre Frische, was bei Schaumweingrundweinen eine feines Händchen bei der Leseentscheidung verlangt.

Hitzetest Weinberg La Mancha Felder und Weinberg
La Mancha: Trockenheit – Weinberge & Felder

Hitzetest Weinberg: Wird Aufsäuerung der neue Standard?

Es ist ein Thema, das ungern kommuniziert oder öffentlich besprochen wird. Doch wenn Natur und Timing nicht ausreichen, erlaubt das EU-Weinrecht einen technischen Eingriff: die Aufsäuerung mit Weinsäure.

In südlichen Regionen Spaniens (Cava) und in einigen Teilen Italiens gehört die Zugabe von Weinsäure (Tataric acid) in heißen Jahren bereits zum handwerklichen Alltag. Selbst in der Champagne werden bei extremen Hitzejahren & Trockenheit Ausnahmegenehmigungen beantragt, um die Grundweine zu stabilisieren (siehe Jahr 2023!). Manch ein bekanntes Champagnerhaus steht der Acidifizierung nicht abgeneigt gegenüber. 

Die Zugabe von Säure war im Premiumsegment eher verhalten, doch der Klimawandel könnte mit diesen alten Gewohnheiten brechen. Wenn der natürliche pH-Wert der Grundweine den Wert 3,4 oder mehr erreicht, steigt das Risiko für mikrobiologische Fehler rasch an. Die Zugabe von Weinsäure schützt den Wein, sorgt für Langlebigkeit und verleiht ihm die nötige Rasse.

Es ist gut vorstellbar, dass die technische Aufsäuerung für günstige Alltagsschaumweine flächendeckend zum Standard wird. Spitzenwinzer versuchen zwar weiterhin, diesen Schritt durch frühe Lese, Schattenmanagement im Weinberg und kühlere Rebsorten (wie Erbamat in der Franciacorta) zu umgehen. Wir werden sehen, wie sich die kommenden Jahrgänge zeigen und ob diese Maßnahmen alleine ausreichen.

Was bleibt im Glas?

2026 ist sicherlich kein reiner Terroir-Jahrgang, den in vielen Regionen ist es ein Jahrgang der die richtigen Managemententscheidungen sowie Lesezeitpunkt im Weinberg abverlangt. Die Antwort darauf werden wir erst in einigen Jahren erhalten, wenn wir 2026 im Glas haben.

Ich könnte mir bereits bei den Grundweinen Qualitätsunterschiede vorstellen. Weingüter mit z.B. kühlen Steillagen, alten Reben, gutem Weinbergmanagement, perfekter Lese und kompromissloser Selektion dürften brillante, hochelegante Ergebnisse erzielt haben. 

Sicherlich wird die Assemblage, also die Cuvetierung, in diesem Jahr eine wichtige Rolle spielen, um Balance, Finesse, Frische und das Reifepotenzial zu optimieren. Mit dem Jahrgang 2026 rückt das Handwerk im Keller wieder stärker in den Mittelpunkt. Ob die Balance und die Frische gelungen sind, wird sich zeigen, wenn die Flaschen nach einem jahrelangen Reifeprozess in den Verkauf gehen. Abschließend noch ein Wort zur Aufsäuerung: Mir sind reife Trauben und eine Aufsäuerung tatsächlich lieber als unreife, grüne Trauben mit perfekter Säure!


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Schaumweinmagazin Redaktion:

Nicole Wolbers ist DipWSET, zertifizierter Cava Educator und Gründerin des Schaumweinmagazins. Als Autorin, Referentin und Moderatorin beschäftigt sie sich mit Schaumwein, Weinregionen und der Frage, wie sich Herkunft, Kultur und Nachhaltigkeit im Wein verbinden.

Credit: Fotos Nicole Wolbers

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